Was Popmusik nicht mehr zu leisten im Stande ist, schafft Fußball: Im barocken Salzburg gedeiht rauer Underground
Wie entsteht Kult in Zeiten, da sich jede Nische des Aufbegehrens gegen gängige Ansichten und Normen rasch als Marktlücke entpuppt? Weil die Popmusik, einst ideales Sensorium für soziale Strömungen, auf diese Frage kaum noch Antworten hat, können sie etwa bei den Ereignissen um den Fußballverein SV Austria Salzburg gesucht werden. Hier, in der Stadt, die die Repräsentationskultur selbst in seit Jahrzehnten angeblich alternativen Stätten verinnerlicht hat, erhebt sich ausgerechnet auf dem Fußballplatz der Widerstand.
Womöglich war der Rand des Spielfelds der einzige Ort, an dem eine solche Besinnung auf archaisches und kraftvolles Erleben von Kulturgut überhaupt möglich war. Die Umstände jedenfalls waren nach der Übernahme des Bundesliga-Vereins SV Salzburg durch die Getränkefirma Red Bull vor zwei Jahren ideal. Während Red Bull Salzburg im Stadion am Stadtrand „modernen Fußball“ etabliert, der Kicken als Teilmenge eines übergeordneten Geschäftsmodells versteht, verabschiedeten sich langjährige Fans in eine selbstbestimmte Unabhängigkeit. Diese führte den neuen, alten Verein zwangsläufig in die tiefste Spielklasse, in der Austria Salzburg am vergangenen Wochenende überlegen Meister wurde (siehe Seite 20).
In einer Spielkasse, in der sonst 50 Zuschauer stehen, feiern hier, wenn Dorfvereine zu Gast sind, bis zu 2500 Personen. Während anderswo Hitparaden-Humptata den Takt vorgibt, gibt es bei der violett-weißen Austria anspruchsvolle Popmusik. Das erfüllt freilich keinerlei Parameter, die zum Massenphänomen taugen. Erstaunlich aber ist die Leidenschaft. Sportliche Virtuosität kann nicht als Auslöser der Begeisterung dienen. Hier siegt die Idee dessen, was als essenzieller Bestandteil popkulturellen Kulturguts, also auch des Fußballs, bezeichnet werden muss: Aufgehoben wird die Trennung derer auf den Rängen von denen unten auf der Bühne (oder dem Platz). Die Fans feiern in unaufhörlichen Gesängen auch die Mannschaft – vor allem aber feiern sie ihre Vorstellung eines gelungenen Nachmittags auf dem Fußballplatz. Diese Idee gleicht einer Verschwörung jenseits aller gegenwärtig üblichen gesellschaftlichen Moden und Trends, jenseits aller politischen Strömungen.
Während im Fußball – ausgehend von ähnlichen Initiativen in England – eine Abkehr aller Ausverkaufsstrategien starken Zulauf erfährt, ist eine solche Stärkung des Undergrounds in der Popmusik seit langem kaum noch zu erkennen. Und so erinnern die Geschehnisse auf dem Austria-Spielfeld im Nonntal in ihrer Struktur an jene epochalen Veränderungen der Popmusik in den späten 70er und frühen 80er Jahren.
Während damals (und seither) Superstars künstlerisch wenig wertvoll in immer größeren Arenen Unsummen einnahmen, begann sich nach der Punk-Bewegung vor allem in den USA in der Rockmusik eine künstlerisch anspruchsvolle, politisch engagierte, bestens vernetzte Underground-Szene zu bilden. Die ästhetische Kraft dieses Undergrounds wurde freilich vom Mainstream aufgesogen (etwa im Grunge). Der Moment aber, in dem Künstler und deren zugeneigte Beobachter als Art Geheimbund funktionieren, stellt die Geburt einer Hoffnung auf Veränderung dar.
Oder übertragen auf die beschriebenen Ereignisse in Salzburgs Fußball: Die Stadt als touristisches Ausflugsziel und künstlerische Sommermetropole bedient sich vieler Klischees, um es ihren Besuchern leicht zu machen. Sie gehorcht dem „Sound of Music“ und hat sich einem Image verschrieben, das ideal für Postkartenbilder taugt. Der „Sound of Nonntal“, die erstaunlichen Ereignisse um Fußballspiele auf niedrigstem Niveau, haben nichts mit Postkartenidylle zu tun, dafür aber viel mit einer hinter schweren, barocken Kulissen nur selten zu Tage tretenden Realität.
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