"Holt Euch das Spiel zurück": Fußballfans setzen auf Kult und gegen Vereinnahmung durch den Kommerz. Die PR-Strategen haben bereits darauf reagiert. GERHARD ÖHLINGER
Gerhard Öhlinger Erstaunliches tat sich in diesem Frühjahr auf Salzburger Landesliga-Fußballplätzen: Wo sonst die Klubkassiere die spärliche Zuschauerschaft per Handschlag begrüßen können, verbreiteten plötzlich Hundertschaften von Fans in Violett-Weiß Bundesliga-Flair. Sprechchöre, Gesänge und Feuerwerk vermochten zwar die von ihnen favorisierte Mannschaft nur selten zum Erfolg zu treiben, doch hier ging es um mehr als um Sieg oder Niederlage.
Die Wiederauferstehung von Austria Salzburg - nur ein Beispiel von vielen, wie Fußballkult zum Ausdruck kommen kann. Kult? Laut Wörterbuch ein Begriff, der für Verehrung und Pflege steht, meist in einem religiösen Zusammenhang. Nicht von ungefähr gilt Fußball als Religionsersatz, werden Stars wie Ronaldinho als "Fußballgötter" und große Stadien als "Fußballkathedralen" bezeichnet. Innerhalb der Weltreligion Fußball kann sich aber jeder seinen ganz persönlichen Herrgottswinkel einrichten: Für die Superstars aus der Champions League oder auch für die ewigen Verlierer vom Vorstadtklub. Für die Helden der Gegenwart oder auch die Meistermannschaft von damals, die nur noch als vergilbtes Bild im Klubheim existiert.Der Verzicht der violetten Fans auf Glitzershow, Star-Aufmarsch und europäisch-prächtige Zukunftsaussichten im Salzburger EM-Stadion zu Gunsten der Traditionspflege kommt so gesehen einem Fastenritual gleich. Aber er liegt im Trend: Unter der Parole "Holt Euch das Spiel zurück!" machen Fußballfans seit einigen Jahren ihrem Ärger darüber Luft, dass Sponsoren- und TV-Interessen dem Fußball Stück für Stück von seiner Faszination nehmen. Die Fußball-WM, die die Schauplätze in Deutschland zum exterritorialen FIFA-Land verwandelt, ist nur die Spitze der Auswüchse.
Auch im Alltag erkennen immer mehr Fußballfreunde ihren Sport kaum mehr wieder: Die immer gleiche Anstoßzeit? Vom Fernsehrechte-Inhaber in die Abendstunden verschoben. Die Stehplatztribüne? Für die lukrativeren Sitzplätze und VIP-Logen geopfert. Der langjährige Publikumsliebling? Passt nicht mehr ins PR-Konzept der Vereinsbosse. Eine "Verbürgerlichung in disneyfizierten Entertainment-Arenen" orten die Veranstalter einer parallel zur WM laufenden Ausstellung über Fankultur in Linz. "Alte" Fußballfans beobachten irritiert, dass lieb gewonnene Eigenheiten ihres Sports zu Gunsten eines potenziellen neuen Publikums eingestampft werden sollen.
Neue Fachmagazine wie "11 Freunde" (Deutschland) und "ballesterer.fm" (Österreich) sehen sich auf der Seite der Fans, stehen aber auch beispielgebend für die neue Lust an Fußballkult und Fußballkultur. "Weil Fußball nicht nur der künstliche Konfettiregen bei der Pokalübergabe ist, sondern auch der kalte Novemberregen bei Spielen der Bezirksliga Nord", erklärt "ballesterer.fm"-Redakteur Robert Hummer die Faszination. Fußballkult hat unendlich viele Gesichter: Das Schwelgen in Nostalgie, die Diskussion darüber, warum Indien noch nie bei einer Weltmeisterschaft dabei war, das Hinterfragen politischer und gesellschaftlicher Aspekte des Fußballs. Die wohl höchste Form von Fußballkult stellt "Groundhopping" dar, das Besuchen möglichst vieler Fußballspiele - egal, ob es sich um einen Champions-League-Schlager handelt oder ein Nachwuchsmatch im Unterhaus vor drei Zuschauern.
Den Marketingstrategen der Sportartikelhersteller ist nicht verborgen geblieben, dass hier etwas wächst. Ihre Kampagnen zielen auf die Kern-Zielgruppe, verbreiten Subkultur-Gefühl und Straßenkicker-Flair mit einem Schuss Nostalgie: Kicken mit reanimierten Größen der Vergangenheit (Adidas), der afrikanische Traum vom Aufstieg aus dem Elend (Puma) und als Krönung ein vermeintliches Kult-Video, das millionenfach weitergemailt wurde: Superstar Ronaldinho trifft beim Training mit neuen Schuhen vier Mal hintereinander die Latte. Der Special-Effect-Clip kam aus der PR-Schmiede von Nike - Fußballkult ist somit vom bewussten Gegenmodell zum Kommerz zu einem Teil des selben geworden.
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| Die Geschichte der Salzburger Austria - von 1933 bis heute. |










