Antikommerz-Fußball. Der moralische Nachfolger des SV Austria Salzburg möchte sich von ganz unten wieder weit nach oben kämpfen. Eine Mannschaft mit Charakter, unglaubliche Fans, die gute Jugendarbeit und ein professionelles Management stimmen positiv.
Tausendfünfhundert leidenschaftliche Anhänger auf der Tribüne flippen aus, bringen das Stadion zum brodeln und treiben ihre Mannschaft von einem Sieg zum nächsten. In diesem Fall handelt es sich allerdings um keinen Verein, der in den obersten Ligen österreichischen Fußballs zu Gange ist. Die hiesige Kickerei, in Spielklassen unterhalb der Bundesliga üblicherweise kaum von großen Fanscharen getragen, bringt ein völlig neues Publikumsphänomen zum Vorschein. Den SV Austria Salzburg. Auch bekannt, als die Violetten. Sie begannen letzte Saison in der untersten Spielklasse (7. Leistungsstufe), schafften souverän den Aufstieg und möchten heuer den nächsten Schritt nach oben setzen. Der errungene Herbstmeistertitel stimmt zuversichtlich, dass erneut ein Sprung in eine höhere Spielklasse gelingen könnte.
Auferstehung. Als Red Bull im April 2005 den Fußball-Betrieb von Austria Salzburg übernahm, kursierten kurz danach Gerüchte, man wolle die Traditionsfarben des Vereins (Violett, Weiß) durch jene der roten Bullen ersetzen. Der Farbenstreit zwischen den violetten Anhängern und Red Bull lenkte die Aufmerksamkeit vieler Medien auf die Geschehnisse. Damals zeigten sich viele Fans enttäuscht über das Vorgehen der Verantwortlichen beim Dosenkonzern. Die eingefleischten Anhänger wollten ihre Mannschaft weiterhin in Violett sehen, ein Wunsch, mit dem die neuen Besitzer nicht viel anfangen konnten. Das letzte Angebot von Red Bull lautete, dass man es bei violetten Tormannstutzen, violetten Adidas-Logos auf den weißen Dressen und einer violetten Kapitänsschleife belassen könne. Ein Angebot, das die Violetten nur ein leises Lächeln kostete und Überlegungen entstehen ließ, einen neuen Klub zu gründen. Im Statut sind die Vereinsfarben der Red Bulls auch heute noch mit Violett-Weiß angegeben. Man tritt jedoch zu Hause in rot-weißer Montur und auswärts in Blau auf. „Im Nachhinein sind wir froh um das Scheitern der Gespräche, die Spieler wären nichts anderes als verkleidete Rote Bullen gewesen“, spricht Austria Salzburg Vorstandsmitglied Alexander Hütter aus heutiger Sicht. Der Verein hat sich tatsächlich neu gegründet und sieht sich als ideologischer und moralischer Nachfolger des Sportvereins Austria Salzburg. Die Vereinsregisternummer sei das letzte Relikt, das bei den Bullen geblieben sei. Ein entscheidender Faktor natürlich, da die mit einhergehende Lizenz zur Spielberechtigung in der Bundesliga führte, in der die Roten Bullen heuer nicht gerade die beste sportliche Leistung präsentieren.
Neuer Weg. Zu Beginn bildete der SV Austria Salzburg mit dem ausgegliederten Fußballverein des PSV (Polizeisportverein Salzburg) eine Spielgemeinschaft, die an der Landesliga (4. höchste Leistungsstufe) teilnahm. Die Austrianer befürchteten jedoch, dass es nicht so schnell, wie versprochen, zur Trennung der beiden Vereine und somit zur angestrebten autonomen, violetten Fußballmannschaft kommen würde. Streitigkeiten bezüglich der Bewirtschaftung der Fans brachten zusätzlich Zündstoff. Der PSV unterstellte den Violetten in diesem Zusammenhang Vertragsbruch. Die Kollaboration wurde beendet. Der Vorstand des SV Austria Salzburg stand vor der schwierigen Entscheidung, ob man den Fans einen weiteren Sturz um 3 Ligen (in die 7. Leistungsstufe) zumuten sollte. Am 14. Juni 2006 entschieden die Verantwortlichen das Schicksal der Austria in die eigenen Hände zu nehmen. Der Verein wurde neu gegründet, ohne dass man über ein Stadion, über Ausrüstung oder nur einen einzigen Fußballer verfügen konnte. Ein Umstand, den der sportliche Leiter des SV Austria Salzburg, Gerhard Stöger, schnell zu ändern wusste. Zahlreiche Gespräche mit Spielern zeigten großes Interesse von Seiten der Kicker, die nur allzu gerne beim Neustart der Violetten mitwirken wollten. Martin Ebner, einer der heutigen Schlüsselspieler, meint: „Ich habe acht Jahre im Nachwuchs der Austria gespielt und dort als kleines Kind die schönste Zeit miterlebt. Die Meisterschaften, Einzug in die Champions-League und das Uefa-Cup-Finale. Das war grandios.“ Nach einem Gespräch mit Gerhard Stöger brauchte der Mittelfeldspieler nicht lange überlegen. Für ihn stand sofort fest, dass er bei diesem Verein spielen will. „So etwas Tolles wie hier kann man als Amateurfußballer in ganz Österreich nicht erleben. Es sind ja nicht nur die Massen, sondern wir haben stimmgewaltige Zuschauer. Die 1500 Leute sorgen ordentlich für Wirbel.“ Dabei kommen die Austria-Fans aus dem ganzen Land Salzburg angereist, um ihren Verein zu unterstützen. Die Solidaritätsbekundungen für die Violetten gehen zusätzlich weit über Österreichs Grenzen hinaus. Viele Fußballfans mit Herzblut haben erkannt, dass hier ein Verein geführt wird, für den der Fußball und die Fans oberste Priorität haben.
Tradition. „Zu unserem Saisonfinale letztes Jahr in der niedrigsten Spielklasse sind Fans aus Dortmund, Hannover, Bielefeld, Köln und Offenbach gekommen. Die fahren schon etwas länger als eine Viertelstunde“, erzählt der sportliche Leiter Gerhard Stöger. Unter den damals 2500 anwesenden Fans waren auch internationale Sympathisanten angereist. Engländer, Italiener, Schweizer und Ungarn kamen, um das Salzburger Phänomen live mitzuerleben. „Die klinken sich ein und feiern mit. In dieser Sache ist auch über die Grenzen hinaus eine Verbundenheit da“, freut sich Stöger. Ein wichtiger Faktor für die starke Unterstützung, welche die Violetten erfahren, ist das Motiv, den Traditionsverein weiterleben zu lassen.
Geburtshelfer war unter anderem die Initiative Violett-Weiß, die sich Salzburg ohne die Austria nicht vorstellen konnte. Nicht zuletzt durch diese Initiative fanden auch Fernsehsender wie Arte oder ZDF Interesse am Salzburger Amateurverein und portraitierten ihn. Die antikommerzielle Triebfeder und der Salzburg-Bezug bringen auch Solidaritätsbekundungen anderer österreichischer Fanscharen mit sich. Vorstandsmitglied Alexander Hütter erzählt gegenüber ECHO von einer Spendenaktion, die für Austria Salzburg durchgeführt wurde. Der Block West, eine Fangruppierung von Rapid Wien, wollte die Violetten bei ihren Zielen unterstützen. „Das trotz der großen Rivalität, die es zwischen Rapid und Austria Salzburg gegeben hat“, meint Hütter und fährt fort: „Jeder Fan kann sich in die Situation hineinversetzen, wenn seinem Lieblingsklub das passieren würde, was Red Bull mit unserem Verein gemacht hat. Jeder Fan kann nachvollziehen, was wir durchlebt haben.“ Gerhard Stöger spricht sich ebenfalls für das traditionelle Element im Sport aus. Vereine, wie beispielsweise Rapid Wien würden vom Vater auf die Söhne oder Töchter übertragen. Es handle sich um keinen Klub, der erst ein bis zwei Jahre bestehe. „Wenn man bei einem Traditionsverein wie Rapid Wien sagen würde, wir spielen nicht mehr in Grün-Weiß, sondern beispielsweise in Gelb-Schwarz, dann könnte ich mir vorstellen, dass es dort ein großes Problem geben könnte“, so der sportliche Leiter der Salzburger. Gerhard Stöger meint auch, es sei ein Unding im österreichischen Fußball, dass es sehr wenige Klubs beim Vereinsnamen belassen. Tatsächlich gibt es genügend Beispiele von Vereinen, die den Namen des Sponsors tragen. Die T-Mobile-Bundesliga und die Red-Zac-Erste-Liga beweisen, dass der österreichische Fußball ohne Namen von Unternehmen kaum mehr existieren kann. In Deutschland und Spanien seien Sponsornamen im Vereinsnamen verpönt, lässt Stöger wissen: „Dort gibt es keinen FC T-Mobile Bayern München, auch Real Siemens Madrid gibt es nicht.“ In der österreichischen Red-Zac-Liga ist es schwierig geworden, zu erfahren, wo die Vereine herkommen, da Vereinsname und Herkunft unter den ganzen Sponsornamen verschwinden. SV Salzburg-Spieler Martin Ebner merkt noch an, dass in Deutschland Sponsoren im Vereinsnamen verboten seien. „Red Bull wollte ja in Leipzig groß einsteigen, durfte den Vereinsnamen aber nicht durch den Markennamen ersetzen. Mitunter ein Grund, dass man dann von den Plänen in Deutschland abgewichen ist“, so der Fußballer, der einer Meinung mit Gerhard Stöger und Alexander Hütter ist, dass der Vereinsname des SV Austria Salzburg unangetastet bleiben muss.
Zukunft. Auf die Frage nach dem heutigen Verhältnis der Austria zum FC Red Bull Salzburg meint Gerhard Stöger, dass es von sportlicher Seite her überhaupt keine Feindschaft gegenüber dem Bundesligaverein gebe. „Red Bull hat im Fußball internationale Ansprüche und es ist nicht unsere Aufgabe zu beurteilen, wie gut oder weniger gut sie das machen. Wir gehen unseren Weg, derzeit den Salzburger Weg im Amateurfußball.“ Etwas härtere Worte findet in diesem Zusammenhang Alexander Hütter: „Als Verein unterscheidet uns von Red Bull die Grundphilosophie. Uns geht es um Fußball. Wir machen uns keine Gedanken darüber, was sie tun. Dass aber der ein oder andere Fan eine Niederlage von Red Bull mit einem Lächeln aufnimmt, ist auch nachvollziehbar.“ Gerade in den letzen Wochen dürfte es bei so manchen violetten Fans zu einem Dauergrinsen gekommen sein, denkt man an das Scheitern der Bullen auf internationaler Ebene und die unerwarteten Niederlagen in der Bundesliga. Im Fokus der Violetten steht natürlich die eigene Zukunft. Das Auferstehen der Legende Austria Salzburg ist für die sportliche Seite genauso wichtig, wie für den Vorstand und die Fans. Gerhard Stöger sieht das Erreichen der Landesliga als mittelfristiges Ziel. „Längerfristig wären die Ziele Regionalliga oder Red-Zac-Erste-Liga“, so der sportliche Leiter. Wobei schon heute der Zuschauerschnitt der Violetten für so manchen Verein in der Red-Zac-Liga wünschenswert wäre. Seit Herbst 2006 wird beim Traditionsverein auch voll und ganz der Nachwuchs forciert. „Andere Vereine haben nach 15 Jahren nicht so eine gute Jugendarbeit, wie sie hier innerhalb kürzester Zeit entstanden ist“, zeigt sich Stöger zufrieden.
Der Zukunft wird bei den Violetten also durchwegs positiv entgegengeblickt. Auf die Frage, wie man mit dem kommerziellen Element umgehen wird, wenn der Aufstieg in die höheren Ligen tatsächlich gelingen sollte, entgegnet Alexander Hütter: „Dann wollen wir nicht denselben Fehler machen, wie die alte Austria. Der Name Austria Salzburg war ja nicht mehr existent. Die Marke soll nicht statt dem Verein als Werbeplattform dienen, sondern der Verein soll die Marke sein.“ Dass es bei den Violetten um die schönste Nebensache der Welt (Fußball) geht und nicht hauptsächlich die Produktwerbung im Vordergrund steht, gefällt vielen. Natürlich ist Spitzensport immer eng mit Sponsoring gekoppelt. Aber in der Rangfolge kann man die Prioritäten auf zwei verschiedene Weisen setzen.
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| Die Geschichte der Salzburger Austria - von 1933 bis heute. |










