Bizarr. Die Regionalliga fürchtet sich vor Fankrawallen, die Klubs vor Polizeikosten. Ein Lokalaugenschein in Kufstein.
KUFSTEIN (SN). Die Gewitterwolken hängen schwer über Kufstein, der Duft der gebratenen Schopfsteaks hängt ebenso schwer über dem Platz und der Rasen glänzt sattgrün im Flutlicht. Dienstagabend, Regionalliga West, ein gemütlicher Fußballabend in der Provinz steht an. Nur die Dialoge passen nicht so ganz dazu. „Keine Bewegung aus Innsbruck“, vermeldet ein Mann erfreut, der das Funksprechgerät unter der Jacke trägt. Es ist ein Fanpolizist und das macht klar: Kufstein gegen Austria Salzburg ist kein normales Spiel, sondern wieder ein Sicherheitsspiel.
8500 Euro kostet den gastgebenden FC Kufstein der Einsatz, 40 Polizisten mit Schlagstöcken und Helmen am Gürtel stehen bereit, ebenso viele Ordner. Die Eintrittspreise wurden auf zehn Euro verdoppelt, trotzdem wird für Kufstein das bestbesuchte Spiel des Jahres wohl ein echtes Verlustgeschäft.
„Die Klubs aus Tirol und Vorarlberg bezahlen jetzt für ihre eigene Panikmache“, sagt Austria-Vorstand Alexander Hütter. Er absolviert in den Wochen vor den Spielen die Sicherheitsbesprechungen und kann sich oft nur wundern. „Als Albtraum wurde in einer Tiroler Zeitung unser Aufstieg bezeichnet. Das grenzt nur mehr an Hysterie.“ Reichenau drohte gar mit dem Ausstieg aus der Regionalliga.
Verzicht auf Heimrecht
Hysterie kann man dem Herren, der extra aus Wattens angereist ist, nicht unterstellen, eher Entschlossenheit. Am 25. September soll die Austria in dem Innsbrucker Vorort antreten. Undenkbar für die dortigen Klubverantwortlichen. „Im ÖFB-Cup gegen Sturm haben die Verrückten Köpfe den Gästesektor gestürmt, das will ich nie wieder erleben. Und gegen Salzburg kracht es sicher.“
Die „verrückten Köpfe“, das ist ein (linksextremer) Fanklub von Wacker Innsbruck, der seine Feindschaft gegen Austria Salzburg und SC Bregenz offen „auslebt“. Das macht seit dem Aufstieg der Austria jedes Match in Tirol zum Sicherheitsspiel.
In Wattens hatte man jetzt eine Idee: Ein Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit. „Das wäre aber wie eine Kapitulation“, sagt der Tiroler Funktionär energisch. Daher tritt Wattens der Austria das Heimrecht ab, will beide Spiele im Austria-Stadion in Maxglan austragen – wie schon Neumarkt im Cup, wie es auch von anderen Klubs in Tirol angedacht wird.
Bei der Austria weiß man nicht, was man davon halten soll. „Ich verstehe jeden Funktionär, der nicht 10.000 Euro Polizeieinsatz zahlen will“, sagt Austria-Sportchef Gerhard Stöger. Dass die Aufgabe des Heimrechts der Weisheit letzter Schluss sei, davon ist aber auch niemand überzeugt.
Minute 92. Schlusspfiff, Endstand 0:0. Die 400 mitgereisten Austria-Fans, die das Spiel zum Heimspiel gemacht haben, skandieren „Wir haben Austria Salzburg im Herzen“, der Platzsprecher bedankt sich bei den „kchlassen Fänsch aus Solzburg“ und da sind sie: 20 bis 30 Fans von Wacker. Der Auftritt ist kurz, die Polizei umstellt die Fangruppe, die sich daraufhin den Bierständen zuwendet.
Die Austria-Fans reagieren nicht, doch zur Vorsicht ist die Polizei bei jedem Kreisverkehr in Kufstein zwischen Stadion und Autobahn präsent.
„Ein Vier-Punkte-Abend“, sagt Stöger zufrieden. „Ein verdienter Punkt für die Mannschaft, drei für unsere Fans, die sich wieder vorbildlich verhalten haben.“
Gegen 22 Uhr verlässt die violette Fankarawane den Ort. Kufstein findet seine Nachtruhe.
Die Liga noch lang nicht.
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