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"Wem gehört der Fußball? - Demokratie im kommerzialisierten Spiel"
03.04.2006

"Wem gehört der Fußball? - Demokratie im kommerzialisierten Spiel"

Ballesterer fm lud ein zur Podiumsdiskussion in Wien am Donnerstag, 6. April 2006 um 19:00 Uhr. Mit dabei: ein Vertreter von SV Austria Salzburg.

Red Bull übernimmt Austria Salzburg“ – jene Schlagzeile stellte am 6. April 2005 den österreichischen Profifußball auf den Kopf und sollte die Opferung eines Traditionsvereins für ein Hirngespinst des Salzburger Energydrinkherstellers, einen spannenden Konflikt zwischen Verein und Fans sowie eine weltweite Aufruhr in den Fankurven und weiten Teilen der Gesellschaft gegenüber der voranschreitenden und im neuen Verein Red Bull Salzburg manifestierten Kommerzialisierung des Fußballs zur Folge haben. Exakt ein Jahr später, am 6. April 2006, fand in der Hauptbücherei der Stadt Wien im Zuge der Diskussionsreihe „Club 2x11“ eine vom Fußballmagazin „Ballesterer FM“ veranstaltete Podiumsdiskussion mit dem provokanten Titel „Wem gehört der Fußball?“ statt. Wie beurteilen Fans und Verantwortliche die fortschreitende Kommerzialisierung des Fußballs, gehört der Fußball noch den Fans oder ist er bereits ein marketingtechnischer Spielball der Konzerne und wie sehr werden unter dem Aspekt der Demokratie die Anliegen der Fans in den Vereinen beachtet? Diesen und zahlreichen weiteren Fragen stellten sich unter der Leitung von Ballesterer-Redakteur Georg Spitaler in einer mehr als zweistündigen Diskussion Rudolf Edlinger (Präsident des SK Rapid Wien), Peter Stöger (Sportdirektor des FK Austria Magna), Moritz Grobovschek (1. Vizepräsident des SV Austria Salzburg), Heidi Thaler (Koordinatorin für Fanarbeit bei der Organisation „Fairplay“) und Bernhard Hachleitner (Fußballhistoriker, Mitglied der „FreundInnen der Friedhofstribüne“ und Vorstandsmitglied des Wiener Sportklubs). Der eigentlich auch eingeladene Manager von Red Bull Salzburg, Kurt Wiebach, ahnte anscheinend bereits im Voraus die kritischen Worte, die ihn bei dieser Veranstaltung erwartet hätten, und blieb vorsichtshalber lieber in Salzburg.
 

Einleitende rechtliche Aspekte


Im mit ca. 130 Zuhörern bis auf den letzten Platz gefüllten Saal eröffnete Rudolf Edlinger mit seiner Antwort auf die Frage „Wem gehört eigentlich Rapid?“ die Diskussionsrunde und erklärte, dass Rapid wie jeder Verein sich selbst gehöre und die Verantwortung im Zuge einer Wahl bei der Generalversammlung auf Zeit delegiert wird. Demokratie wird dahingehend verstanden, dass die Mitglieder von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen können und die Wünsche der Fans zusätzlich in Mitgliederversammlungen und Fantreffen beachtet werden – die volle Verantwortung liegt jedoch letztendlich beim Präsidenten bzw. beim Präsidium. Diese Grundstruktur sei beim FK Austria Magna im Prinzip ähnlich, so Peter Stöger, jedoch gibt es dort mit Frank Stronachs Magna einen Betriebsführervertrag, gemäß welchem der Betriebsführer für alles bürgt. Die Zukunft ist am Verteilerkreis jedoch aufgrund der Auflösung dieses Betriebsführervertrags im Juli samt Auslaufen ein Jahr später ungewiss.


 

Kommerzialisierung des Fußballs


Fankoordinatorin Thaler wechselte zu den beiden primären Problemfeldern der letzten Jahre zwischen Fans und Vereinen, nämlich Sicherheit und Kommerzialisierung. Hierbei beklagte Thaler zum einen die fehlende Lobby für Fans in Österreich, die fehlende Beachtung der Diversität innerhalb der Fans und die kritische bzw. widersprüchliche Haltung der Öffentlichkeit und der Medien gegenüber den Fans und wichtiger Teile einer sinnvollen Fußballkultur wie Bengalen, Stimmung oder Doppelhalter. Zum anderen stellen unter dem Aspekt der Kommerzialisierung die Änderung identitätsstiftender Elemente wie Vereinsname, Farben, Spieler oder Ort sowie die Umwandlung der Fußballstadien in versitzplatzte Konsumarenen die Hauptkritikpunkte dar.


 
Der Extremfall dieser Kommerzialisierung zeigte sich im danach eingespielten Beitrag des ZDF-Sportstudios über die Auslöschung von Austria Salzburg durch Red Bull, bei welcher der Dosenfabrikant aus Fuschl vom Vereinsnamen über die Vereinsfarben bis hin zum Gründungsjahr sämtliche Eckpfeiler des Vereins änderte und samt neuem Trainer, neuen Spielern und einem in ein dosenverherrlichendes Event transformiertes Fußballspiel ein de facto komplett neues Konstrukt namens „FC Red Bull Salzburg“ schuf, welches eher wie eine geographisch deplatzierte Stierkampfarena als ein Fußballverein klingt. Da dieses Marketingkonstrukt, welches erst vor wenigen Wochen quasi um einen Franchise-Ableger namens „Red Bull New York“ erweitert wurde, mit der alten Austria Salzburg nichts mehr gemeinsam hatte, schlossen sich die auf Tradition und identitätsstiftende Werte bedachten Fans zur „Initiative Violett-Weiß“ zusammen, um mit Kreativität und Information die eigenen Anliegen durchzusetzen und erreichten damit zwar bislang in der internationalen Fußball-Fanszene noch nie dagewesene Solidaritätskundgebungen und große internationale mediale Beachtung, eine Einigung konnte jedoch aufgrund der nicht vorhandenen Gesprächs- und Kompromissbereitschaft auf Seiten Red Bulls nicht erzielt werden. Aus diesem Grund kam es vor wenigen Monaten zu einer Neugründung des SV Austria Salzburg durch die violetten Fans, über welche der Vizepräsident der neuen Salzburger Austria, Moritz Grobovschek, einiges erzählen konnte. Am 8. April startet der neue Verein laut Grobovschek in Kooperationsform gemeinsam mit dem PSV Salzburg in die Frühjahrsaison der 1. Salzburger Landesliga, zahlreiche Firmen, welche oftmals im neuen Marketingkonzept von Red Bull keinen Platz gefunden haben, zeigen bereits Interesse und man will diese und die fußballinteressierte Öffentlichkeit durch positive Effekte wie zahlreiche Zuschauer, ausgezeichnete Stimmung oder gewaltfreie Fußballfeste verbunden mit der Tradition von Austria Salzburg überzeugen. Mehr als 1.000 erwartete Zuschauer für das erste Spiel des neuen, alten Vereins in der vierthöchsten österreichischen Spielklasse sprechen dabei für sich.
 

Fans vs. Wirtschaftlichkeit


Doch nicht nur anhand des Salzburger Beispiels zeigte sich wozu Fans imstande sind, auch Bernhard Hachleitner konnte berichten, warum die Fans beim Wiener Sportklub mehr Mitspracherecht als bei den meisten anderen Vereinen besitzen. Eine enge Verflechtung der Faninitiative „FreundInnen der Friedhofstribüne“ mit dem Vorstand des Wiener Sportklubs, die Treue dieser Fans beim Zwangsabstieg in die Wienerliga sowie die generell einfachere Einbeziehung der Fans in niedrigeren Ligen haben zu dieser vorbildhaften Entwicklung im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Fans und Verein geführt, in welchem auch interne Spannungen wie beim Aufstieg in die zweithöchste Spielklasse gemeinsam überstanden wurden. Langfristig sei die Einbeziehung der Fans für jeden Verein jedenfalls eine lohnende Alternative, so Hachleitner, der jedoch auch betonte, dass der Verein sehr von der Gemeinde Wien abhängig ist. Beim Verhältnis zwischen Verein und Gemeinde Wien hakte Rapid-Präsident Edlinger ein und betonte in Folge den steigenden wirtschaftlichen Druck auf die Vereine. Zwar konnte Edlinger in seiner Amtszeit das Budget von 6,5 auf 11 Mio. und die Sponsorenanzahl von 9 auf 42 erhöhen, dennoch werden die Rahmenbedingungen, in welchen die Vereine heutzutage agieren, immer schwieriger, da kein Spieler aus Vereinstreue einen Vertrag unterschreibt. Edlinger selbst stört insbesondere, dass durch die Kommerzialisierung die Identität, welche eigentlich den Sport ausmacht, verloren geht: „Ziel des Herrn Mateschitz ist es möglichst viele Dosen zu verkaufen und nebenbei etwas Fußball zu spielen; Ziel von Rapid ist es, guten Fußball zu spielen“, so Edlinger über die unterschiedliche Auffassung zwischen dem Salzburger Kommerzverein und dem Wiener Traditionsverein. Ein Seitenhieb in Richtung Andreas Ivanschitz unter dem Aspekt, dass es keine Ikonen mehr gäbe, durfte dabei natürlich nicht fehlen. Während bei den Grün-Weißen hinsichtlich der Einbeziehung der Fans eine sehr gute Lösung gefunden wurde und es momentan eher in sportlicher Hinsicht krankt, bestehen beim violetten Stadtrivalen laut Peter Stöger mehrere Konfliktbereiche, da die Fans gegen unterschiedliche Strömungen im Verein wie Frank Stronach oder Roman Wallner kämpfen. Grundsätzlich lässt sich laut Stöger zusammenfassen, dass der Einfluss der Fans umso geringer ist, je höher die Spielklasse und die sportlichen Ziele sind.
 
Nach einem kurzen Intermezzo von Heidi Thaler, welche mit ihrer provokanten These „Fußball gehört den weißen, heterosexuellen Männern“ auf die Ausgrenzung einiger Gesellschaftsschichten wie Migranten, Homosexuelle oder Frauen beim Fußball hinweisen wollte und dafür vom Edlinger und Stöger mit Gegenargumenten überhäuft wurde, wechselte Grobovschek vom SV Austria Salzburg wieder zum eigentlichen Thema und bemängelte die wenig ausgeprägte Fußballkultur sowie das amateurhafte Funktionärswesen in Österreich, welche solche Übernahmen wie durch Red Bull in Salzburg erst ermöglichen. „Wenn uns die Chance gegeben wird, werden wir Erfolg haben“, so der Vizepräsident über die Erfolgsaussichten des neuen SV Austria Salzburg, dennoch ist gerade in der Anfangsphase der Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit, Sport, Kommerz und anderen Aspekten des Fußballs nicht leicht. Stöger und Edlinger als Vertreter der Profivereine hakten dabei nach, dass man ohne eine wirtschaftliche Basis im Profifußball nicht über sportliche Ziele reden kann. Laut Edlinger „steht in Österreich abgesehen von Red Bull Salzburg und momentan noch Austria Magna allen anderen Vereinen das Wasser zwischen Hals und Nasenlöcher“.
 

Die Fragen der Fans


Im zweiten Teil der Podiumsdiskussion konnten die im Publikum zahlreich vertretenen Fans ihre Fragen an die Verantwortlichen richten, wobei überwiegend brisante Themen wie Hausverbote, Spielergehälter, Geldgeber und wiederum der Aspekt der Wirtschaftlichkeit aufgegriffen wurden. Peter Stöger betonte hierbei, dass in Zukunft wieder ein gemeinsamer Weg zwischen Verein und Fans notwendig sein wird und man als Fan zwar kritisch sein kann, jedoch in den 90 Spielminuten die Mannschaft anfeuern soll. Bernhard Hachleitner zeigte den Einfluss der Fans am historischen Beispiel der geplanten Fusion von Rapid und dem Sportklub, welche in letzter Minute von den Sportklub-Anhängern abgewendet werden konnte.
 
Abgesehen von diesen kurzen ermutigenden Worten in Richtung der Fans wurde auch in der Fragerunde klar, dass sich der Fußball nicht den Gesetzen der Marktwirtschaft entziehen kann, wobei hier insbesondere das Bosman-Urteil die Position der Spieler gegenüber den Vereinen sehr gestärkt hat, was sich auch in den steigenden Spielergehältern manifestiert. Trotz dieses Bewusstseins für wirtschaftliche Aspekte klafft in Österreich im Hinblick auf die investierten Summen und den sportlichen Erfolg eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit, wie Peter Stöger aus eigener Erfahrung beim FK Austria Magna berichten konnte, wo nach der Auflösung des Betriebsführervertrags das Budget von 25 auf 10-15 Mio. Euro gekürzt werden wird und dabei unter anderem wahrscheinlich die Amateurmannschaft in der zweithöchsten Spielklasse nicht aufrechterhalten werden kann. Grobovschek betonte abschließend noch die Bedeutung ehrgeiziger Ziele und der Mitbestimmung jener Leute, welche auch in schlechten Zeiten zum Verein standen, und Rudolf Edlinger erklärte noch warum Rapid auf Tradition und Identifikation der Fans mit dem Verein setzt.
 
Bei den abschließenden Kurzstatements rundeten das eigentliche Fazit des Abends von Moritz Grobovschek mit seinem Idealbild einer „Symbiose aus wirtschaftlichem und sportlichem Part samt einer Basis der Fankultur“ sowie Rudolf Edlingers Fußballweisheit „Geld spielt nicht Fußball“ einen interessanten Diskussionsabend ab.
 
(Text: Andreas Lindinger)


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